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Es war ein Sonntag…

Es war ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien, ich war glücklich und zufrieden. Mit guten Freunden spazierte ich am Fluss. Da schimmerte etwas im Sonnenschein zwischen den Steinen am Ufer. Eine Flasche. Eine 0,5-Liter-Kakao-Flasche mit einem leicht vergilbten Etikett und einem Zettel darin. Eine Flaschenpost! Fröhlich aufgeregt sicherte ich das Fundstück, drehte den blauen Schraubverschluss auf und zog mit spitzen Fingern ein leicht feuchtes, gerolltes Blatt heraus.

Aber was war das? Keine Anrede. Kein Text. Kein Brief?

Es waren zwei Seiten voll krakeliger Stichpunkte: Ungeduld – negatives Denken – gescheiterte Bewerbung – Stress an anderen rauslassen – zu viel trinken – Dinge nicht zu Ende führen – verpasste Gelegenheit mit Traumfrau Laura – Reue für Dinge, die ich nicht ändern kann – Selbstzweifel.

Ich stand am Fluss in der Sonne. Meine Freunde waren weitergegangen. Ein Hund bellte. Ich stand da und aus der Flaschenpost schrie mir die pure Verzweiflung ins Gesicht. Vor meinem inneren Auge lief ein Film ab: Meine eigenen Tiefpunkte. Wenn nichts mehr geht. Alles verloren scheint. Die Ungerechtigkeit an einem klebt. Die Hoffnung keine Farbe hat. Alles infrage gestellt werden muss.

Ich sah einen jungen Mann bildlich vor mir, wie er die Wut rausschreibt auf eine weißes Blatt, die Kakaoflasche neben sich, die er vielleicht am Kiosk gekauft hat – in der Hoffnung, sie schmecke nach früher, als noch alles einfacher gewesen war. Ich muss ihm antworten, dachte ich. Ich muss ihm sagen, dass er nicht alleine ist. Und dass die Hoffnung bunt ist. Ich drehte und wendete das Blatt in der Sonne, aber nichts: kein Name, keine Adresse, kein Absender.

Heute steht die Flasche auf meinem Schreibtisch. Regelmäßig sind meine Gedanken bei dem anonymen Zweifler und bei allen Verzagten und Verzweifelten. Mögen sie gewiss sein, dass immer jemand an sie denkt.

(Kirsten Westhuis)

 

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