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Prediger und Manager: höflich distanziert oder miteinander unterwegs?

Manager und Prediger: höflich distanziert oder miteinander unterwegs?

DR. MARKUS MÜLLER

Führungspersonen und Prediger haben oftmals wenige Berührungspunkte. In der Gründerzeit der Pilgermission war das noch ganz anders. Berufstätige liessen sich zusätzlich zu Predigern ausbilden. Im Laufe der Zeit veränderte sich das Berufsbild des Predigers: dieser versah immer häufiger seinen Dienst hauptamtlich. Den jetzigen Leitern der Pilgermission ist ein grosses Anliegen, dass Führungspersonen aus Wirtschaft und Gemeinde wieder zueinander finden. Direktor Markus Müller sprach darüber mit Claude Schmutz, ehemalige Führungsperson eines internationalen Konzerns, und René Winkler, ehemaliger Prediger der Chrischona-Gemeinde Muttenz und jetziger Leiter der Gemeinden Schweiz.

Dr. Markus Müller: Wie war Euer erster Eindruck voneinander?
Claude Schmutz: Sympathisch, menschlich, ernsthaft, bescheiden, ohne Allüren, nichts Gekünsteltes und ein lebendiger, methodisch moderner Stil der Verkündigung, der mir als damaligem Konzernmanager sehr entsprach.
René Winkler: Als ich 1995 als Prediger nach Muttenz kam, habe ich bald erfahren, dass in der Gemeinde auch einige Hochrangige und Hochgebildete ein- und ausgehen. Claude war einer von ihnen. Das Vorwissen weckte in mir einen gewissen Respekt.

René, welches Bild hattest Du von einer Führungsperson in der Wirtschaft?
Wie man sich einen erfolgreichen Manager vorstellt: gepflegt, sportlich-elegant, gut gekleidet, entschlossener Blick und Händedruck. Ich hatte die Haltung: «Überleg Dir gut, was Du sagst, sonst bist Du schnell ‚unten durch’ und hast ihn verloren.»

Hattest Du bestimmte Erwartungen an Claude im Hinblick auf seine Mitarbeit in der Gemeinde und auf sein Engagement im säkularen Bereich?
Im Blick auf die Gemeinde getraute ich mich nicht ernsthaft, irgendwelche Erwartungen an Claude zu stellen. Mir war klar, dass er in seinem Beruf voll ausgelastet war und sich zudem bei der Internationalen Vereinigung Christlicher Geschäftsleute (IVCG) engagiert. Ich freute mich, wenn er da war und fragte nicht, wenn er abwesend war. Im Blick auf seine Führungsaufgabe und wie er diese als Christ wahrnahm, fühlte ich mich nicht zuständig. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, Einfluss auf ihn zu nehmen.

Claude, Du sprichst respektvoll von Deinem damaligen Prediger. Was hast Du von ihm gedacht und erwartet?
Meine Frau und ich haben uns 1993 bekehrt und schlossen uns der Gemeinde in Muttenz an. Wir hatten gerade noch seinen Vorgänger erlebt, dann kam René 1994. Bei beiden beeindruckte mich die persönliche und vollmächtige Art der Verkündigung. Ich hatte mich damals mit dem Thema ‘christliche Gemeinde’ noch kaum auseinandergesetzt. So hatte ich keine besondere Erwartung an den Prediger.

Welches Bild hattest Du von einem Prediger?
Ich kann nicht sagen, dass ich ein bewusstes Idealbild hatte. Ich habe bis heute einen hohen Respekt und grosse Achtung vor dem Amt und der Verantwortung eines Predigers. Ich betrachte seine Aufgabe als noch herausfordernder als die eines Geschäftsmannes und Managers. Zum Beispiel ist die zeitliche Beanspruchung eines Predigers enorm gross. Manchmal hat ein Manager schneller einen Termin zur Verfügung als ein Prediger.

Gab es für Euch im ersten Jahr Eurer Beziehung etwas, das Ihr vermisst habt?
René Winkler: Ich erinnere mich an nichts Konkretes. Allerdings befürchtete ich, dass wir uns als Gemeinde und ich als Prediger zu stümperhaft anstellen könnten und sich Claude und andere gegen unsere Gemeinde entscheiden könnten.
Claude Schmutz: Ich meine, wir waren damals ohne Absicht in einer ‘höflichen Distanziertheit’. Ich erkannte zu jenem Zeitpunkt die persönliche und geistliche Bedeutung einer engeren Beziehung noch nicht. So war mir nicht bewusst, dass mir etwas fehlen könnte. Und ich hätte mir damals auch nicht herausgenommen, dem ausgebildeten Prediger in seine Aufgaben hinein zu reden.

Was hätte Euch in der damaligen Situation weitergeholfen?
Claude Schmutz: Beat Christen, Mitarbeiter der VBG (Vereinigte Bibelgruppen) und bekannt als Beter im Bundeshaus, besuchte mich ab und zu in meinem Büro, um für mich in meiner Verantwortung als christliche Führungsperson zu beten. Das war eine grosse Ermutigung für mich. Heute weiss ich, dass dies auch durch eine persönliche Beziehung zwischen Pastor und Geschäftsmann möglich ist.
René Winkler: Ich hätte es sehr geschätzt, wenn Claude mir ermutigende Rückmeldungen zu meinem Dienst gegeben hätte und ich deutlicher gespürt hätte, dass er sich für die Entwicklung der Gemeinde interessiert und mich mit seinen Möglichkeiten unterstützen möchte. Hätte er mich für irgendetwas um Hilfe gebeten, wäre mir sofort klar gewesen, dass wir wirklich miteinander unterwegs sind.

Was würdet Ihr aus heutiger Sicht als Prediger und christliche Führungsperson anders machen?
René Winkler: Ich würde rasch mit Claude und seiner Frau persönlich Kontakt aufnehmen und dabei unser Miteinander thematisieren und ihn auch fragen, was ich für ihn tun könnte und was er in die Gemeinde einbringen möchte. Ich würde ihn auch fragen, in welcher Weise ich seine Fachkompetenz für meinen Dienst nutzen könnte.
Claude Schmutz: Ich habe es bei Renés Nachfolger anders gemacht. An einer Konferenz für Leiter im Jahr 2001 in Chicago zeigte mir Gott durch ein Referat die Bedeutung der lokalen Gemeinde auf. So nahm ich gleich nach unserer Rückkehr Kontakt mit unserem jetzigen Prediger auf. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft und zum Teil enge Zusammenarbeit.

Welchen Rat würdet Ihr einem Prediger bzw. einer christlichen Führungsperson im Umgang miteinander geben?
Claude Schmutz: Eine Führungsperson sollte sich überlegen, wie sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen ihrem Pastor persönlich, geistlich und in seiner Arbeit dienen kann. Das muss ja nicht gleich in einem formellen Dienst in der Gemeinde zum Ausdruck kommen. Ich wünsche mir umgekehrt von den Predigern, dass sie die Geschäftsleute als Missionare ihrer Gemeinde sehen könnten, die ihre geistliche Unterstützung brauchen.
René Winkler: Versteht Euch als Brüder auf Augenhöhe, die miteinander unterwegs sind. Geht nicht davon aus, dass der andere auch geistlich stark und selbständig ist, nur weil er äusserlich erfolgreich ist. Inneres und äusseres Wachstum sind zwei unterschiedliche Dinge. Redet offen und direkt über euer Miteinander, konkret auch über die Frage, wie ihr einander wirksam unterstützen und fördern könntet. Formuliert eure gegenseitigen Erwartungen und Befürchtungen.

In der Pilgermission ist seit Herbst 2007 oft von den zwei ‘Visionstexten’ Jes. 61,1-3 und 1. Petr. 2,9 die Rede. Wie könnten diese Texte im Miteinander von Predigern und Führungspersonen Bedeutung bekommen?
René Winkler: Führungspersonen haben oft ähnliche Themen und Herausforderungen wie Prediger: zum Beispiel Leben als öffentliche Person, Leistungsorientierung, Umgang mit Kritik, Angst vor Versagen, Umgang mit (fehlenden) Finanzen, Einsamkeit, und Umgang mit psychischem Druck. Sie verstehen einander schnell und könnten einander in besonderer Weise im Sinne von Jesaja 61 priesterlich dienen bzw. sich gegenseitig in ihrem Dienst herausfordern und ermutigen.
Claude Schmutz: Erstens sollten wir, Geschäftsleute und Prediger, wieder die Sicht erhalten, dass Geschäftsleute bzw. Führungspersonen mit Einfluss sehr geforderte Missionare ihrer Gemeinden in der Welt sind und darum Zurüstung, Gebet und geistlichen Schutz brauchen. Zweitens liegt in der freundschaftlichen Verbindung von Predigern und Führungspersonen und damit in ihrer Ergänzung viel Potential. Die genannten Textstellen sind eine Hilfe und ein Bild zur Gestaltung des gemeindlichen und beruflichen Lebens.

Sollte in der Wirtschaft anders geführt werden als in der Gemeinde?
Claude Schmutz: Ich kehre die Frage um: In der Gemeinde muss aus verschiedenen Gründen zum Teil anders geführt werden als in der Wirtschaft: Die Mitarbeiter sind Freiwillige; Erfolg wird anders definiert. Viele Führungs- und Managementprinzipien gelten allerdings grundsätzlich immer, wenn Menschen zusammen arbeiten. Das wird oft zu wenig erkannt. Grundsätzliche geistliche Aspekte gelten sowohl für einen Leiter einer Gemeinde wie auch für eine christliche Führungsperson. Immer geht es um die eigene Integrität, um die Sicht des Menschen als von Gott geschaffenes und geliebtes Wesen, um die Erkenntnis, dass wir Gottes Führung durch sein Wort in der Bibel, sein Reden und seinen Heiligen Geist haben und schliesslich darum, dass wir uns in zwei Welten bewegen: in der natürlichen, aber auch in der übernatürlichen Welt. Gerade wegen letzterem brauchen wir Zurüstung und geistliche Unterstützung.
René Winkler: Ob ein Christ in der Wirtschaft oder in der Gemeinde Führung übernimmt, macht grundsätzlich keinen Unterschied: Er ist als Führungsperson letztendlich Jesus Christus Rechenschaft schuldig. «Alles im Namen Jesus tun» ist hüben wie drüben der Anspruch. Die Aufgabenstellungen unterscheiden Verantwortung wahrnehmen, dürften ähnlich sein.

Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama Ausgabe 2/2008 auf den Seiten 6-7

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