Kommentare sind ausgeschaltet für diesen Beitrag

Buchtipp

„Der Klang“- Vom unerhörten Sinn des Lebens von Martin Schleske
350 Seiten, gebundene Ausgabe

Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist dieses Buch Seite für Seite ein Hochgenuss.

Aus dem Klappentext: „Einer der großen Geigenbauer der Gegenwart erzählt von den Geheimnissen seines Berufs. Alle Phasen des Geigenbaus, vom Auffinden des geeigneten Holzes bis hin zur Wölbung und Lackierung des Instruments, werden für ihn zum Gleichnis für persönliche Entwicklung, für unsere Berufung und unseren Platz im Leben. Wir werden zu einem klingenden Instrument, wenn sich in uns das Unsagbare, das Unerhörte des Lebens ausspricht“.

Leseprobe:  Berufung und Bedürftigkeit (S.136,137)
Die Grundworte unseres Daseins lauten: Du bist geliebt und du bist berufen. Das heißt du bist und du sollst. In diesen Grundworten ist der Odem, der aus Adama Adam macht und das Holz in Klang verwandelt. Doch gerade die Grundworte sind verletzbar. Denn wir müssen sehen: Der Grund der Liebe ist auch der Grund des Leidens: Ohne die menschliche Verletzbarkeit, die darin besteht, dass wir einander anvertraut sind, gäbe es auch keine Liebe. Sie wäre schlicht nicht nötig. Weil wir der Liebe bedürftig sind, sind wir einander anvertraut. Doch wo unsere Bedürftigkeit verletzt wird, da öffnet sich unweigerlich eine Quelle des Leidens. Bestünde diese Welt aus leidensunfähigen Wesen, so gäbe es auch keinen Raum der Liebe.
Es sind zwei Seiten der gleichen Wahrheit: auf der einen Seite die Bedürftigkeit, auf der anderen die Berufung. Wir überwinden das Leiden nicht, indem wir die Bedürftigkeit unseres Dasein überwinden, sondern indem wir Liebende werden! Nur der Liebende ist tatsächlich erleuchtet. Er wendet sich seiner Berufung zu. Sie ist das Licht, das ihn erleuchtet. Der Bedürfnislose hat keine Erleuchtung erlangt; er hat lediglich seine Verletzbarkeit überwunden. Er hat die Notwendigkeit in sich abgestumpft, geliebt zu werden. Das ist keine Erleuchtung, sondern spirituell überhöhte Feigheit vor der eigenen Geschöpflichkeit.
Beide Seiten – die der Bedürftigkeit und die der Berufung – sind in einer rabbinischen Weisheit schlicht zusammengefasst. Israel von Salant sagte:“Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen.“
Wahre Spiritualität ist nicht die Erweiterung unseres Bewusstseins, sondern die Ausrichtung unseres Bewusstseins auf eine Berufung. Es ist die Berufung, um der Bedürfnisse meines Nächsten willen ein Liebender zu sein. Durch nichts kann die Gnade Gottes stärker in uns werden als dadurch, dass wir leben, wozu wir berufen sind. Wenn wir aber unsere Berufung nicht in uns beleben, wird unser Herz ermatten – und mit ihm der Glaube.
Darum bedeutet Glauben nicht nur, dass ich darauf vertraue, dass Gott gut ist, sondern ebenso, dass ich entdecke: Gott traut mir etwas Gutes zu! Wir sollten den Aufgaben unseres Lebens zur Gabe werden. Darum ist es wichtig, dass wir nicht nur fragen: Worauf vertraue ich? Ebenso sollten wir uns fragen: Was wird meinem Leben zugetraut?
Wer Spiritualität sucht, der muss darum vor allem eine Frage klären: Wem oder was soll mein Leben dienen? Denn es geht dabei nicht um die Hybris vermeintlicher Gotterkenntnis, die für sich in Anspruch nimmt, die Geheimnisse Gottes zu ergründen, sondern um die menschliche Demut, die sich für diese Welt in Anspruch nehmen lässt. Denn diese Welt ist um unserer Berufung willen als eine bedürftige Welt erschaffen!
Fulbert Steffensky fragt:“Was ist eine spirituelle Erfahrung? Es ist die Erfahrung der Augen Christi in den Augen des Kindes. Es ist die Erfahrung der Nacktheit Christi im nackten Bettler, den Martinus trifft; die Erfahrung des hungernden Christus im Hunger unserer Geschwister. Wer in Gott eintaucht, taucht neben den Armen wieder auf, sagt der französische Bischof Galliot. Es gibt keine Gotteserkenntnis an der Barmherzigkeit vorbei.“

Kurzrezension: Martin Schleske selbst beschreibt sein Buch „als die Beschreibung des Werdegangs einer Geige, als den äußeren Weg durch seine Werkstatt, doch das Buch ist zugleich ein innerer Weg in die Welt des Glaubens. Das Erkennen der Fasern und Markstrahlen des Holzes, die Suche nach Klangfarben, die Faszination angesichts der Tiefe des Lacks und der Vielfalt seiner Harze, die Schönheit der Wölbungsformen, die Auseinandersetzung mit leidenschaftlichen Musikern – aus all dem werden Gleichnisse zum Leben entstehen“.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der Freude am schönen Lesen hat und dabei nicht nur von der Wortkunst sondern auch vom tiefen Sinn des mal poetisch, mal fast philosophischen Stils ergriffen werden möchte. Es ist sicher kein Buch, das sich mal so „wegliest“. Man sollte immer mal wieder innehalten, Textpassagen ein zweites Mal lesen, um dann berührt von der Schönheit der Worte, deren tiefgründige Tragweite ins Herz tropfen zu lassen. Es ist ein Buch, das Suchenden den Sinn des Lebens durch den ungewöhnlich einfühlsamen Schreibstil näher bringt, das Glaubenden neue Blickwinkel erschließt und die Herzen sowohl der einen als auch der anderen berührt.
Elke Stein

Kommentarfunktion ist geschlossen.