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Atempause

Unsere Tante Emma hiess ‘Kotrine’ (Katharina). Sie führte einen kleinen Lebensmittelladen schräg gegenüber von unserem Hof. Hinter dem Glas der Theke warteten verlockende Süssigkeiten darauf, gekauft zu werden. Freilich gab es auch Lebensnotwendigeres in den Holzregalen und Schubladen an der Wand.

Etwa fünf Leute fanden vor der Theke Platz zum Warten und Erzählen. War man dran und sagte, was man wollte, holte Tante Kotrine es herbei. Wusste man nicht mehr genau, was man heimbringen sollte – kein Problem. Tante Kotrine kannte die Vorlieben der Familie. Ihr konnte man vertrauen. Erspart blieb einem die Qual der Wahl. Eine Marke pro Produkt, und manches gab es gar nicht. Das brauchte man dann auch nicht wirklich. Zur Not klingelte man an der Haustür. Das war peinlich, aber man bekam, was man brauchte.

Tante Kotrine musste den Supermärkten weichen. Damit ging nicht nur ihr etwas verloren. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kaufe ich in Supermärkten ein. Statt eines Lächelns empfängt mich der Aushang mit Sonderangeboten. Langsam schiebe ich den Einkaufswagen an Regalen vorbei, entscheide zwischen fünf Sorten Orangensaft und zwanzig verschiedenen Spaghettisorten und -gerichten, Frischem oder Tiefgefrorenem. Auf leere Kartons stosse ich dabei selten. Ich greife zu, nehme, was Augen, Magen, Herz begehren, und wundere mich, dass ich am Ende mit EC-Karte statt Barem zahlen muss. Einkaufen ohne Auto ist fast unvorstellbar geworden. Nichts gegen anonymes Einkaufen und Riesenauswahl. Aber der Einkaufswagen ist mir zum Symbol geworden. Er ist übrigens in den vergangenen zwanzig Jahren beständig grösser und tiefer geworden – wie unsere Ansprüche. Schieben wir nicht im Leben ständig einen unsichtbaren Einkaufswagen vor uns her, den wir unterwegs beladen? Umstände, Menschen, Gemeinde, Staat, Schule und Gott müssen sein wie prall gefüllte Regale, bei denen wir uns bedienen können. Hier was, da was. Prüfend in die Hand nehmen und das Beste heraussuchen.

Innere Einkaufswagen können unersättlich sein. Sie fordern auf: «Biete mir etwas, ich habe es verdient. Schau, wie viel mir fehlt.» Sie schaffen Distanz zur Umgebung, zum Nächsten. Wir haben keine freien Hände. Die eine schiebt den Wagen, die andere greift zu. Zu Tante Kotrine kam man mit freien Händen. Sie zählte die Bonbons in ein Papiertütchen und gab sie einem in die Hand. Darum musste man sie bitten, sagen, was man wollte mit dem Risiko, dass es das Gewünschte nicht gab. Mit dem Einkaufswagen muss ich niemanden bitten, ich mache alles selbst. Den symbolischen Einkaufswagen möchte ich gerne anketten und verrosten lassen. Stattdessen mit offenen Händen leben. Meine Wünsche gelassen äussern, schauen, ob und was mir in die Hände gelegt wird. Freie Hände können andere Hände schütteln, etwas weitergeben, streicheln, tragen helfen. Immer öfter falte ich meine Hände nicht mehr beim Beten, sondern halte sie geöffnet hin, zeige Gott meine Bedürftigkeit und bitte ihn, sie zu füllen mit dem, was er für mich hat.

© Christa Gatter- Autorin- All Copyright by Chrischona-Panorama Ausgabe 7-2006 DE FR IT EN &Suchen:

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